20. Oktober 2013

Düfte / von Knurrbär



Er musste wohl schon eine ganze Weile vor sich hin gedöst haben, an jenem warmen Sonntagnachmittag im August. Die Sonne musste sich verschoben haben, denn die Füsse brannten von der direkten Bestrahlung. Es war einer dieser Halbwach – Halbschlaf Nachmittage, an welchen sich Traumbilder mit real gedachtem zu kurzen, sich wechselnden Sequenzen vermischten und in seinem Hirn hin und her hüpften; einmal hervor lugten, um dann sofort wieder zu verschwinden um dann neuen Bildern Platz zu machen. Einen tieferen Sinn oder einen roten Faden konnte er ohne professionelle Unterstützung nicht ausmachen, was ihm in Tat und Wahrheit so ziemlich egal war. Er liebte sie einfach - diese ausgedehnten Gedankenspaziergänge – Punkt.


„Farben und Düfte sinnlich und spielerisch erfahren“ – ein Seminar im Rahmen der Vorbereitungskurse „Pensionierung – und was nun“ – bezahlt vom Arbeitgeber.
„Farben und Gerüche spielerisch erfahren, da muss ich halt wohl hingehen“ murmelte Lorenz leise, sehr leise und sich langsam aus der Traumwelt lösend vor sich hin und versuchte mit noch noch langsamen Bewegungen, eine Wespe, welche sein Gesicht umtanzte, zu verscheuchen.

„Was hast Du soeben gesagt“? „Über welche Gerüchte sprichst Du da“? Klara musste sich wohl irgendwo im Wohnzimmerbereich befinden. Er ignorierte diese Frage mit konzentriertem Schweigen und tiefen Atemzügen, um den unweigerlich anstehenden Nachfolgefragen wie „Davon hast Du mir ja noch gar nichts erzählt“, „Mit mir sprichst Du ja nicht darüber“, „Bist ja immer so verschlossen“, „Du weisst doch, dass mich Gerüchte interessieren – da ist auch immer etwas Wahres dran“ zu entfliehen.

Und tatsächlich schaffte er es, nachdem er die Füsse an eine andere Position versetzt hatte, sich wieder auf einen Gedanken-Traum-Spaziergang zu begeben, um diesmal in eine Vergangenheit einzutauchen.

Es war späte 68-er Stimmung. Die einen waren dafür, viele dagegen und einige irgendwo dazwischen. Politischer und gesellschaftlicher Aufbruch, Rock’n’Roll und biedere Bürgerlichkeit prallten aufeinander und dazwischen war eine Generation, die sich ihre Jugend im ganzen Drum und Dran nicht versauen lassen wollte. Es war in diesem Kellergeschoss eines dieser neu hingestellten Wohnblocks, in denen der Andreas aus dem Kellerabteil seines Vaters einen engen Partyraum hingezaubert hatte. Plattenspieler – zwei, drei rote Glühbirnen und ein paar Hippie-Tücher an der Wand und ein Poster eines Rock-Stars. Es roch nach miefigem Keller – obwohl das Haus neu sein musste - und später beim Eintreffen der Freunde und vor allem bei den jungen Frauen – nach Parfüm oder genauer hauptsächlich nach Patschuli, welches sich ein paar Stunden später mit der Geruchsbegegnung „Schweiss – Nylonhemd“ vermischen sollte. Rolling Stones, Rock’n’Roll und Elvis dominierten die Party-Stimmung, obwohl progressiv denkende bereits von ganz anderer Musik sprachen.
Die jungen Männer kannten das Zeichen, welches der Disc-Jockey geben wollte, bevor er die erste Schmuse-Nummer auflegen würde. Genug Zeit, sich strategisch an die richtige Position des Kellers zu bewegen, um dann ….
… und dann kam sie! Die Mutter der Anne-Marie. Einfach so und ohne Anmeldung. Die Hand hochgestreckt präsentierte sie freundlich und ein bisschen verlegen lächelnd eine grosse Menge fein säuberlich aufeinander gestapelter Sandwiches, welche vor allem bei den heranwachsenden jungen Männern so einiges in Schwung brachten. Und da lag sie nun, die ganze Pracht – alles nur Sandwiches mit Salami, Gurken und ein bisschen frisch geschnittenen Zwiebelringen. Zugreifen oder ablehnen? Das hing nun ganz davon ab, wie sich die Anne-Marie und die andern Mädchen verhalten würden, um nach einer kurzen Verschnaufpause und einem weiteren Rock-Song auf das vereinbarte Zeichen des Disc-Jockey erneut und hoffentlich ohne weitere Unterbrechung warten zu können.


Wieder machte sich eine Wespe daran, Lorenz ein bisschen näher in die Gegenwart zu bringen, damit ein kurzes Handwedeln die Situation – für kurze Zeit wenigstens – klärte.


Schon als kleiner Bub mochtest Du den Duft des frisch gebackenen Brotes. Das hatte ihm seine Mutter in allen Phasen des Heranwachsens immer wieder gesagt. Nach 3 Jahren Lehre beim Bäcker Huber wurde er festangestellt. Nicht jeder hatte damals diese Chance. Aus Huber wurde Huber+Huber, dann Huber-Huber und Sohn und zuletzt Huber’s Backstube mit unzähligen Filialen und weiteren Grosskunden in der ganzen Schweiz. Und er war immer dabeigewesen – zuletzt als Leiter der Schicht-1, der wichtigeren! Und jeden Tag hatte er – zuletzt zwar nur noch Stichproben-weise – an den Backwaren geschnuppert und gerochen. Das war seine Art der Qualitätskontrolle. Keiner konnte das besser als er.


Er schrak auf. Warum träume ich in der Vergangenheit? Ganz so, als ob ich nicht mehr mit dabei wäre? Der Puls ging rasch. Nur nichts der Klara sagen. Bleib einfach mal schön ruhig.

Langsam stand er auf, rieb sich die Augen, streckte die Arme in die Luft und holte ein paarmal tief Luft. Am Montag melde ich mich an zu diesem Schnupper-Seminar. Es ist wirklich an der Zeit, mal andere Gerüche – oder waren es Düfte und wo liegt denn da der Unterschied - zu entdecken. Vielleicht eine Schnupperstunde in der Parfümerie, ein Riechseminar mit Weinverkostung oder ein Rundgang durch den Basler Zolli.  Vielleicht noch einmal Salami mit Zwiebeln oder vielleicht etwas ganz neues. Und Farben, die möchte ich auch entdecken – muss raus aus des Bäckers braun!


Er wurde langsam etwas ruhiger und das erneute Summen der Wespe – oder war es eine Biene - bohrte sich ins Zentrum seiner Gedanken. Von drinnen her zog ganz fein der Duft des angebratenen Sonntagsbratens nach draussen und er verspürte unvermittelt dieses zwar immer wiederkehrende aber dennoch über Jahr als sehr angenehm und vertraut empfundene Sonntag Spätnachmittag Gefühl.      


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Düfte / von Zebramanguste



Der Sommer duftet am schönsten!

Sie haben sich seit der Schule nicht mehr gesehen, treffen nach fast zehn Jahren zufällig in der Kleinstadt aufeinander…
„Hast du dieses Sonnenuntergangsfarbenfeuerwerk gesehen, diese Farben, Wahnsinn?“ fragt er und schaut noch immer verträumt dorthin, wo die Sonne vor kurzer Zeit zwischen zwei Hügeln in der Ferne das Himmelszelt verlassen hat. „Ja, es war spektakulär und wunderbar anzusehen, aber am Sommer liebe ich eher die guten Düfte, die sich je nach Temperatur stark verändern können und mal extrem intensiv, dann eher lau und flach wahrnehmbar sind“ entgegnet sie. „Den Duft der heute Alles erfüllte, der mir wohlig wehenden Schleiern gleich um die Nase wehte – schwer und süss, zugleich leicht schwebend und sinnlich – möchte ich einfangen können und in kleine, durchsichtige Glasröhrchen abfüllen können. Gerne würde ich dieses unsichtbare Wunder luftdicht in klaren Gefässen festhalten und mir dann vorstellen, wie der Duft darauf wartet - an kalten, tristen Wintertagen - von mir befreit zu werden und… - der sommerliche, leicht nach honigriechende Lindenblütenduft die raue, eisige Winterwirklichkeit vergessen macht!“

Er lächelt leicht und meint verträumt „eine schöne Vorstellung und ich möchte im Winter, wenn’s unangenehm kalt ist, dass mir der würzige, nach vielen unterschiedlichen Kräutern riechende, sommerliche Heuduft die Naseninnenwände sanft und neckisch kitzelt.“  - „Auch im Frühsommer gibt es einen Duft, der mich aufwühlt, auf den ich mich jedes Jahr auf’s Neue freue. Er stammt ebenfalls von Baumblüten. Auch die Bienen wissen, was gut ist und produzieren allein aus den süssriechenden, kleinen, weissen Akazienblüten herrlichen Honig“ erklärt sie mit grossen, erfreut glänzenden Augen und sich leicht kräuselnder Nase. – „Ja, dieser Honig schmeckt wirklich gut… fast so gut wie Lavendelhonig, den ich sehr mag“, klärt er auf, „aber noch lieber rieche ich die Lavendelblüten, am liebsten die ganzen Felder in der Provence, wo sich tausende von Blüten im auffrischenden Mistral  wiegen.“ Sie schaut ihm mit neugierigem Blick direkt in die Augen „ich habe gar nicht gewusst, dass du so romantisch bist, dass du deine Umwelt so bewusst und interessiert wahrnimmst, dass du von all den wunderbaren Dingen, die uns umgeben so viel aufnimmst und für dich auch wertest. Ganz ehrlich, ich habe dich eher oberflächlich in Erinnerung – einfach ein Typ, wie jeder andere auch, nein, wie fast Alle.“ – „So kann man sich täuschen, mir ging es nämlich mit dir genau gleich; nie hätte ich gedacht, dass du Lindenblütenduft in so träumerisch schöne Worte packen kannst und dabei mit glänzende Augen in eine Welt blickst, die du genau zu kennen scheinst.“ – Sie: „Was kommt dir in den Sinn, wenn ich das Wort „Organgenblütenduft“ sage?“ – Er: „Oh, eine ganze Menge… er kitzelt meine Nase angenehm, wenn ich abends einen Tee trinke, damit ich gut schlafen kann. Nicht nur zum Trinken schmeckt er einfach hervorragend, er riecht, auch äussert angenehm…, kurz ich liebe den Tee und giesse ihn am liebsten mit getrockneten Blütenblättern aus der Drogerie auf.“ – Sie: „Ich habe richtig Lust auf einen Orangenblütentee, was meinst du, gehen wir in der Gartenwirtschaft da vorn eine Tasse zusammen trinken?“ – Er: „Ich wohne nicht weit von hier und würde dich gerne einladen, einen von mir zubereiteten Orangenblütentee mit mir zu trinken. Morgen könnten wir uns dann bei dir bei einem Akazienhonigbrot Gedanken machen, wie wir den Lindenblütenduft in die die durchsichtigen Gefässe bringen, damit du auch im kalten Winter nicht auf deinen Lieblingsduft verzichten musst.“

Sie: „Au ja, und übermorgen gehen wir vor die Stadt und lassen uns den sommerlichen Duft des frisch gemähten Heus um die Nase wehen.“ 

D
er Sommer duftet am schönsten!




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23. Juni 2013

Plombe / von Zebramanguste



Ruhig brummend rollt der schwere Lastwagen mit Anhänger auf einem in der Regel wenig befahrenen Autobahnabschnitt durch die malerische Landschaft. Die Aufschrift auf dem Kunststoffverdeck des Zugfahrzeuges macht Werbung für ein glückliches, langes Leben, wenn das aufgemalte Produkt regelmässig und in der vorgegebenen Menge eingenommen wird. Auf dem Anhänger erfährt der im schnellen Erfassen geübte Betrachter und Leser, das die absolut neue, und ohne jegliche Aromastoffe hergestellte Zigarette zwar einzigartigen Genuss verspricht…, aber rauchen gefährdet ihre Gesundheit! 

Der Fahrer, ein nicht mehr ganz junger Mann mit stark reduziertem Haarwuchs, zieht in unregelmässigen Abständen in sich gekehrt an einer selbstgedrehten Zigarette. Er kneift jedes Mal leicht die Augenlider zu, wenn der Rauch vor seinen Augen selbstverliebte Formen in die Luft produziert. Aus den Lautsprechern der Bordstereoanlage tönt das Harfenspiel einer nicht mehr ganz neuen CD von Andreas Vollenweider. Ab und zu bewegt sich der Kopf des Lastzug-Piloten sanft, im Takt der Musik. Trotzdem erfasst sein Blick konzentriert jede kleinste Veränderung auf oder knapp neben dem Betonband vor ihm. Schliesslich ist die selbstgedrehte zu Ende geraucht. Sein Blick sucht kurz den Aschenbecher in der Mitte des Armaturenbrettes, nimmt den glimmenden Rest der Zigarette und drückt diesen kräftig auf dem geriffelten Teil des Raucherbehälters aus. Sofort wechseln sein Blick und damit auch seine ganze Konzentration wieder auf die vor ihm ausgerollte Betonfahrbahn. Kurz blickt er auf seine Armbanduhr, obwohl er die aktuelle Zeit genauso gut digital am Armaturenbrett hätte ablesen können. Seine Gesichtsmimik verrät nicht, ob er gut oder weniger gut unterwegs ist. Aber die leichte Fussbewegung, der sanfte, fast zärtliche Druck auf das Gaspedal lässt darauf schliessen, dass er Zeit gutmachen möchte. Die digitalen Zahlen des Geschwindigkeits-anzeigers springen im 5-Sekundentakt um jeweils eine Einheit höher. Schliesslich ist die gewünschte Geschwindigkeit erreicht, der vom Fahrer aktivierte Tempomat merkt sich ab sofort diese Zahl und sorgt für konstant diese Bewegung. 

Der Mann kratzt sich kurz mit drei Fingern der linken Hand an der linken Seite des Kopfes und nimmt anschliessend mit der rechten Hand eine Flasche mit Mineralwasser aus der Mittelkonsole. Er öffnet die Flasche, setzt sie an die Lippen und trinkt rasch fast die halbe Flasche leer. Anschliessend will er sie mit einer Hand wieder schliessen. Geht nicht, der Deckel verkantet sich beim Aufsetzen auf den Flaschenhals. Er nimmt nun auch die linke Hand kurz vom Lenkrad… der Lastenzug reagiert sofort auf diese Unachtsamkeit und beginnt zu schlingern. Sofort reagiert der Fahrer, lässt die Flasche fallen, nimmt ohne grosse Hektik den Fuss vom Gaspedal und bewegt zeitgleich sanft das Steuerrad leicht ruckelnd hin und her. Den leichten Ruck, der das Gefährt kurz darauf erfasst, nimmt er nicht bewusst wahr. Erleichtert stellt er wenige Sekunden später fest, dass er wieder Herr der Lage ist und sich das Zugfahrzeug und Anhänger wieder in der Mitte der Autobahn befinden. Leise die angestaute Luft ausatmend beugt er sich jetzt leicht über das Lenkrad, wohl eine Geste die höhere Konzentration beim Führen des Gefährts signalisiert.
Die Fahrt geht noch rund 2 Stunden weiter, ohne dass sich noch weitere, erwähnenswerte Ereignisse oder Unregelmässigkeiten ereignet hätten. Zufrieden nimmt er zu Kenntnis, dass er sich dem nächsten Etappenziel, der Grenze zum Empfängerland nähert – noch 10 Kilometer liest er auf der grossen Tafel mit verschiedenen Ortsangaben und den jeweiligen Kilometer-entfernungen. Gedanklich überschlägt er auf Grund dieser Information, wie lange die gesamte Fahrt bis zum Ziel, dem Domizil des Empfängers dieser Ladung, wohl noch dauern könnte.  
Zufrieden lächelnd fährt er wenige Minuten später in die Langsamfahrzone des Zollüber-ganges ein und stoppt kurz darauf den Lastenzug und stellt ihn auf der Wartefläche ab. Mit der Frachtpapiermappe in der Hand begibt er sich ins Zollgebäude, legt die Dokumente dort vor und hofft, dass die Ladung nicht noch kontrolliert wird. „Was haben Sie geladen“, fragt der Zollbeamte überflüssigerweise (er kann doch lesen, es steht in den Frachtpapieren, denkt der Fahrer). Aber er beantwortet die Frage korrekt und ohne unnötig lange zu zögern mit „Nahrungsergänzungsmittel und Zigaretten, eine neue Marke, von der sich der Hersteller viel, sehr viel verspricht“. „Aha“, stellt der Zollbeamte interessiert fest. „Dann wollen wir doch mal sehen, wie diese neuen Glimmstängel aussehen, verpackt sind.“ Innerlich fluchend folgt der Fahrer dem Zollbeamten zum Fahrzeug mit Anhänger. ‚Das kann jetzt dauern‘, denkt er sich. Er geht zwar nicht davon aus, dass es Schwierigkeiten bei der Verzollung, der Einfuhr geben könnte; Ladung und Papiere hat er vor der Abfahrt kontrolliert und verglichen – Alles in Ordnung. – „Und wo sind die Zigaretten verladen, vorn oder hinten?“, fragt der Zollbeamte. „Die befinden sich im Zugfahrzeug, wegen der grösseren Menge und dem entsprechend höheren Gewicht“, antwortet der Fahrer“.
„Also, dann wollen wir mal“, motiviert sich der Zollbeamte selber und kappt mit einer Zange die Plombe, die die Ladung gegen unerlaubte Manipulationen während der Fahrt vom Abgangsort bis zum Zollübergang oder dem Empfängerdomizil schützen soll. Kurz nach dem er unter der Plache, dem Kunststoffverdeck verschwunden ist, kommt er mit einer Stange der neuen Zigarettenmarke heraus. „Sehen schon noch irgendwie interessant aus, kann mir gut vorstellen, dass sich diese Dinger gut verkaufen“, meint er nach dem er sie Packung der Glimmstängel eingehend untersucht hat. „Diese Stange wird als Muster für die Zollbehörden zurückbehalten“ - „ist üblich bei neuen Produkten; auf den Frachtpapieren werde ich Ihnen dieses Musterziehen mit Unterschrift und Zollstempel bestätigen“ ergänzt er nach kurzem Zögern. „Ich mache nur noch kurz einen Kontrollgang um den ganzen Lastenzug“ eröffnet er in dem er sich auf den Weg Richtung Anhänger begibt. Der Fahrer zündet sich eine Zigarette an und hofft, dass der Zollbeamte rasch seinen Kontrollgang beenden wird. Plötzlich hört er ein überrascht, drohendes „Oh-Oh“ vom hinteren Teil des Anhängers. Sofort macht sich der Fahrer auf den Weg zum Zollbeamten. „Hier fehlt eine Plombe“, sagt der Beamte und zeigt auf die Stelle am Verdeck, wo nur noch Teile des Plombier Drahtes hängen. „Aber das kann doch nicht sein, ich habe die Ladung vor der Abfahrt kontrolliert, war extra beim Beladen dabei und habe auch gesehen, dass alle Plomben korrekt angebracht worden sind, ich verstehe nicht, warum dieses Teil, die Nummer „Zigi007“ fehlt, besser gesagt nur noch aus Plombierdrahtteilen besteht. Was passiert jetzt?“ fragt er den Beamten. „Tja, wir müssen davon ausgehen, dass die Ladung – gemäss Papieren Nahrungsergänzungsmittel - unterwegs manipuliert worden ist“ teilt er dem verwirrten Fahrer mit „und werden den ganzen LKW samt Anhänger zurückhalten“.
Der Fahrer schaut sich die losen Drahtteile und die unmittelbare Umgebung näher an und findet verschiedene Kratzspuren, die er vorher noch nie gesehen hat. Es dämmert ihm, dass er unterwegs einmal fast die Herrschaft über das Gefährt verloren hat und er, wohl unbewusst, im Verlauf dieser Aktion einen leichten Ruck verspürt hat. Offenbar ist der Anhänger gegen die überhöhte Leitplanke geknallt und dabei ist die Plombe beschädigt worden. Er setzt zu einer entsprechenden Erklärung an; der Zollbeamte will davon aber nichts wissen, zeigt aufs Zollgebäude und befiehlt in barschem Ton „MITKOMMEN, die ganze Ladung wird ausge-laden, ganz genau untersucht und mit den Frachtpapieren verglichen. Sie werden dabei bleiben, um eventuelle Unklarheiten sofort zu klären. Die ganze Aktion wird ein paar Stunden dauern“. ‚Das kann ich mir lebhaft vorstellen‘ denkt sich der Fahrer, steckt sich ein Caramel- Bonbon in den Mund und trottet wütend hinter dem Zollbeamten her. ‚Feierabend gibt’s erst morgen und Reklamationen des Kunden und meines Chefs sind auch so sicher wie das Amen in der Kirche‘. Plötzlich hält er inne… das klebrige Caramel, welches er wütend im Mund hin und her geschoben hat, zieht ihm eine Plombe aus dem Zahn! Fast hätte er sie vor Schreck geschluckt. „Scheissplomben“ sagt er laut und steckt die herausgebrochene Plombe in den die rechte Hosentasche und schliesslich - ziemlich aufgebracht - beide Hände tief in die beiden Hosentaschen.  


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Plombe / von Knurrbär

Der düstere und karge Hausflur nahm ihn in Empfang, von wo ihn der Aufzug in den 2. Stock brachte. Ein mal die Klingel gedrückt stand er im Empfangsbereich und wurde von einer jungen Frau ins Wartezimmer gewiesen. "Schweizer Illustrierte", "Nebelspalter" oder "Frau mit Herz" lagen auf, um die Wartezeit zu verkürzen oder die Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Draussen war durch das leicht geöffnete Fenster von weit her ein Presslufthammer zu vernehmen, welcher sich bohrend und dröhnend mit den menschlichen Stimmen von der Gasse unten zu einem Geräuschbrei vermischte.

Es musste wohl doch mehrere Minuten gedauert haben bis er endlich in Zimmer 2 begleitet wurde, wo auch sogleich wortreich mit der üblichen Prozedur "Bitte setzen Sie sich - Herr Bauer", "Achtung - ich streife Ihnen jetzt den Latz über", "Ich werde nun noch frisches Spülwasser auffüllen", "der Herr Doktor wird bald bei Ihnen sein" begonnen wurde.
Der Herr Doktor kannte wohl das Wort "bald" nicht so genau und so hatte Bauer genügend Zeit mit der rechten Hand nochmals nach der herausgefallenen Plombe in der Hemdtasche zu tasten und sich seinen weiteren - der kommenden Prozedur vorbereitenden - Gedanken zu widmen. Ganz alleine in einem Raum, in dem zu sein er sich normalerweise absolut nicht wünschte.

Und plötzlich war es da, dieses surrende, pfeiffende, sirrende Geräusch des Bohrers, welches aussen wohl ganz anders vernommen wurde als innen. Die Spritze war wohl gut gesetzt worden - kein wirklicher Schmerz war zu verspüren ausser dieses Gefühl der absoluten Abhängigkeit und Hilflosigkeit und dieser saugende Schlauch, der geräuschvoll seine Arbeit tat und sich immer wieder zwischen Zahnreihen, Zunge und Backeninnenwand verklemmte, was dann jeweils in einem verzweifelten unanständig töndenden Sauggeräusch und Gurgeln endete.

Lass die Hände ruhig, zapple nicht mit den Füssen, atme ruhig waren die inneren Befehle, die er sich selber immer und immer wieder gab und mit innerer Stimme vormurmelte. Und dann noch diese Angst, dass die Unterlippe plötzlich wieder so unkontrolliert vor sich hin zu zittern begann. Wer macht schon im Vorfeld Unterlippen-Dehnübungen und Mund-weit-aufreissen-Training ? Keiner ! Bleib einfach ruhig ! Du kennst das ja. Ist doch schon immer irgendwie gut gelaufen.

Ruhig war anders - durchzuckte es ihn, während ihn der Herr Doktor mit leiser bestimmter Stimme aufforderte, den Mund noch weiter aufzusperren und den Kopf ganz leicht nach links zu drehen. "So ist es gut" kam auch prompt das Lob, welches er wie ein kleines Kind in sich aufsog und entsprechend dankbar entgegen nahm.

Denk an etwas schönes, denk einfach an etwas ganz ganz schönes. Nichts - nur Leere. Jetzt tu nicht so, als hättest Du noch nie im Leben was schönes erlebt. Immer noch Leere. Strategiewechsel. Denk an Musik. Lass sie erklingen in deinem inneren Ohr. Lass dich wegtragen ins Land der Lieder, Instrumente und Melodien.

Er hatte es geschafft und war nun - nur für ganz kurze Momente zwar - im Land der Musik angelangt. Rammsteins harte Gitarrenriffs und das hämmernde Schlagzeug in "Mein Teil" und die schmerzverzerrten Gestalten aus dem Musikvideo blitzten auf und dröhnten irgendwo im Innenohr und tanzten vor seinem geistigen Auge, sollte es dieses denn auch tatsächlich geben. Warum Du, warum bist Du - dieser Song - jetzt ausgerechnet hier bei mir im Behandlungszimmer. Weg damit, das passt nicht. Geh weg. Nach zwei, drei mal wegblinzeln kam dann die Erlösung in Form des luftig fröhlichen Liedchens "Hoch auf dem gelben Wagen". Ein netter Roy Black, hübsche junge Damen und zwei motiviert trabende Pferdchen, welche durch eine Landschaft fein duftender Wiesen und Wälder führten, als es noch kein Baum- und Bienensterben gab oder es zumindest keiner zur Kenntnis nehmen wollte.

"Spülen bitte" - "Bitte ganz gut spülen Herr Bauer" - "Geht's" ?
Dieses zuletzt ausgesprochene "Geht's", begleitet von einem Schmunzeln von Arzt und Assistentin gaben ihm die finale Sicherheit: Die haben dich durchschaut, die haben's mitgekriegt, das mit dieser Musik.

Strategiewechsel. Denk an etwas ganz normales, etwas ganz banal normales.
Outlook, Agenda,Termine !
Ich bin sicher wieder zu schlecht vorbereitet für dieses Kickoff der Sonder-Arbeitsgruppe "TaskForce". Was soll's - schlechter als die andern wird's alleweil nicht sein. Und dann diese neue Terminserie des Projekts ALOA, welches in kürstester Zeit aus dem Boden gestampft wurde und keiner so richtig wusste, wohin die Reise führen soll .... und dann noch das Team-Meeting, in welchem Team sicher wieder einmal mehr beweisen wollte, dass Team Team ist und dass dieses "One-team-one-voice-Gefühl" über alles und auch über Projekt- und Einzelinteressen zu stellen ist und ....

"Herr Bauer" ..... "Herr Bauer !!"  "Haben Sie vielleicht Ihre Agenda dabei ? Der Herr Doktor meint, wir sollten unbedingt noch einen weiteren Termin vereinbaren".   


Soundtrack zur Kurzgeschichte:
Mein Teil: http://www.youtube.com/watch?v=JLi7k-Dsqic
Hoch auf dem gelben Wagen:  http://www.youtube.com/watch?v=N6EwGA4KD8s


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30. März 2013

Erstens-zweitens-drittens / von Knurrbär


Es schien, als stünden sie in einem Kreis in dessen Mitte er sich befand. Es waren nicht die Gesichter die sich in seine Erinnerung einbrannten. Es war dieses Gemurmel, dieser Brei aus Stimmen, die auf ihn einprasselten. "Geh doch einfach mal hin", "Du wirst sehen, er weiss was Du brauchst", "Du musst doch etwas ändern", "Probiers doch einfach mal aus", "Du wirst sehen ....".

Die nächsten Tage schleppten ihn von der Wohnung zum Bus, vom Bus zum Arbeitsplatz und vom Arbeitsplatz zurück in die Wohnung. Er achtete darauf, Blickkontakte in der Öffentlichkeit zu meiden und einfach nur so vor sich hin zu glotzen oder das Spiel zu spielen, dessen einzige Regel darin bestand, so zu tun als freue man sich an den Bäumen und Hausmauern, die im fahrenden Autobus an einem vorbeizogen. Vielleicht war das alles auch einfach überflüssig, denn die meisten Menschen, die er sah, spührte oder roch waren mit sich und ihrem Smartephone so stark beschäftigt, dass er weder auffiel noch wahrgenommen wurde. Er war einfach einer, der den Platz eines andern beanspruchte und in diesem Sinne nicht wirklich willkommen war in der Gemeinschaft der Busfahrer.

Er fand die angegebene Hausnummer in der Altstadtgasse rasch und problemlos. Die Klingeln waren beschriftet. D.T. 2. Stock. Das musste es sein. Er hatte das Gefühl, dass er ein wenig klebrige Hände hatte und er spürte einen raschen Puls, während ihm die Kinderschuhe vor der der Türe des 1. Stocks auffielen. Nach ein paar weiteren Stufen sah er in altmodischen goldenen Buchstaben an der Türe geschrieben: Der Trommler - Eintreten ohne zu klopfen.

Während dem er den Atem ein wenig zu beruhigen versuchte probierte er sich nochmals vorzustellen, wie der Trommler wohl aussehen möge. Bart in der Art selbsternannter Koranprediger mit Schweizer Pass, wenig und strähniges Haar, wache blaue Augen, freundliches Lächeln und ein kräftiger Händedruck. Trommler haben ganz bestimmt kräftige Hände.

Er überlegte sich, ob er die Türe mit einem Ruck öffnen oder eher die leise und bedächtige Art wählen sollte. Er entschied sich für Variante zwei. Die Türe knarrte leise und er sah, dass die ganze Wohnung aus nur einem Raum zu bestehen schien. Es war dämmerig, was von hellbraunen zugezogenen Vorhängen an den Fenstern herrührte. Mitten im Raum stand eine grosse Trommel, daneben zwei bis drei grosse einladende Kissen am Boden und auf einem kleinen Tischchen befanden sich drei, vier Bücher auf einem Stapel, ein Glas mit einer dunklen Flüssigkeit sowie Schreibpapier und Schreibwerkzeug. Sonst gab es nichts. Kein Bild, keine Pflanze - einfach nichts.

Erst jetzt bemerkte er in der hinteren linken Ecke eine Türe, welche sich langsam und fast geräuschlos – einem lauen Luftzug gleich - öffnete. Ein kleingedrungener glattrasierter Mann mit sehr kurzen dunklen Haaren trat bedächtig ein und setzte sich auf eines der Kissen am Boden. Er deutete an, dass sich sein Gast auch setzen solle. Es waren diese Augen und dieser alles durchdringende Blick, welcher nicht weichen wollte, der ihn in den Bann zog. Ein Blick, dem er nicht auszuweichen vermochte. Es hätten Minuten sein können, die so vergingen. Dennoch musste es sich wohl eher um Sekunden gehandelt haben.

Der Trommler hob seine linke Hand auf Brusthöhe und streckte den Daumen nach oben. Langsam aber sehr bestimmt sagte er mit tiefer aber dennoch leiser Stimme:
„Erstens: Ich weiss, wer Du bist. Ich kenne Dich“
Dabei berührte der Zeigefinger seiner rechten Hand den Daumen.
„Zweitens: Ich weiss genau, was Du brauchst“
Und diesmal berührte der Zeigefinger der rechten Hand den soeben nach oben gestreckten Zeigefinger der linken Hand.
„Drittens: Wirst Du genau das tun, was ich Dir sage“

Danach erhob er sich vom Kissen und ging zwei drei Schritte Richtung Trommel. Er hob den rechten Arm und schlug mir der flachen Hand auf das Fell, hob wieder die Hand und holte zu einem zweiten und dritten Schlag aus. Klang – Pause – Stille. Klang – Pause – Stille. Klang – Pause – Stille.
Es waren diese Pausen zwischen Klang und Stille die ihn beunruhigten, die ihn erschauern liessen und ihm Angst einflössten.

Da war dieser kühle nieslige Dienstagmorgen, an welchem er aus seinem Traum erwachte und diesen jetzt schon fast erkühlten Schweiss hinten am Hemdrand seines Pyjamas verspürte. Die Dusche vermochte nicht all die Bilder und Geräusche des Traums wegzuspülen, welche ihn noch den ganzen Tag wie einen milchglasigen Schatten begleiteten.
Im 17:35 Bus drängten sich die Fahrgäste, blätterten in Gratiszeitungen oder beschäftigten sich mit ihren mobilen Telefongeräten. Langsam wurde der Tag ein ganz normaler Tag, endlich wichen die Traumbilder und gaben neuen Farben und Geräuschen Platz. Endlich wurde es ein bisschen luftiger und tat gut, so wie eine angenehme Brise nach einem schwülen und klebrigen Sommertag.

Vier Haltestellen später vibrierte sein Handy. Neue SMS. Zuerst wurde sein Puls schneller und ging schon bald in ein Rasen über. Sein Mund wurde trocken. Er las „Erstens: Ich weiss, wer Du bist. Ich kenne Dich“. Seine Hand begann zu zittern, während dem er hastig weiter las. Sofort streifte sein Blick durch den vollen Autobus und ihm war als sah er, nur ganz kurz und ganz hinten einen Mann mit einem leicht zerfransten Bart, strähnigem Haar und strahlend blauen Augen. Ein Hauch eines Lächelns lag auf seinen Lippen.

Er musste sehr bleich geworden sein und draussen war wohl irgendwie Frühling.

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