23. Juni 2013

Plombe / von Zebramanguste



Ruhig brummend rollt der schwere Lastwagen mit Anhänger auf einem in der Regel wenig befahrenen Autobahnabschnitt durch die malerische Landschaft. Die Aufschrift auf dem Kunststoffverdeck des Zugfahrzeuges macht Werbung für ein glückliches, langes Leben, wenn das aufgemalte Produkt regelmässig und in der vorgegebenen Menge eingenommen wird. Auf dem Anhänger erfährt der im schnellen Erfassen geübte Betrachter und Leser, das die absolut neue, und ohne jegliche Aromastoffe hergestellte Zigarette zwar einzigartigen Genuss verspricht…, aber rauchen gefährdet ihre Gesundheit! 

Der Fahrer, ein nicht mehr ganz junger Mann mit stark reduziertem Haarwuchs, zieht in unregelmässigen Abständen in sich gekehrt an einer selbstgedrehten Zigarette. Er kneift jedes Mal leicht die Augenlider zu, wenn der Rauch vor seinen Augen selbstverliebte Formen in die Luft produziert. Aus den Lautsprechern der Bordstereoanlage tönt das Harfenspiel einer nicht mehr ganz neuen CD von Andreas Vollenweider. Ab und zu bewegt sich der Kopf des Lastzug-Piloten sanft, im Takt der Musik. Trotzdem erfasst sein Blick konzentriert jede kleinste Veränderung auf oder knapp neben dem Betonband vor ihm. Schliesslich ist die selbstgedrehte zu Ende geraucht. Sein Blick sucht kurz den Aschenbecher in der Mitte des Armaturenbrettes, nimmt den glimmenden Rest der Zigarette und drückt diesen kräftig auf dem geriffelten Teil des Raucherbehälters aus. Sofort wechseln sein Blick und damit auch seine ganze Konzentration wieder auf die vor ihm ausgerollte Betonfahrbahn. Kurz blickt er auf seine Armbanduhr, obwohl er die aktuelle Zeit genauso gut digital am Armaturenbrett hätte ablesen können. Seine Gesichtsmimik verrät nicht, ob er gut oder weniger gut unterwegs ist. Aber die leichte Fussbewegung, der sanfte, fast zärtliche Druck auf das Gaspedal lässt darauf schliessen, dass er Zeit gutmachen möchte. Die digitalen Zahlen des Geschwindigkeits-anzeigers springen im 5-Sekundentakt um jeweils eine Einheit höher. Schliesslich ist die gewünschte Geschwindigkeit erreicht, der vom Fahrer aktivierte Tempomat merkt sich ab sofort diese Zahl und sorgt für konstant diese Bewegung. 

Der Mann kratzt sich kurz mit drei Fingern der linken Hand an der linken Seite des Kopfes und nimmt anschliessend mit der rechten Hand eine Flasche mit Mineralwasser aus der Mittelkonsole. Er öffnet die Flasche, setzt sie an die Lippen und trinkt rasch fast die halbe Flasche leer. Anschliessend will er sie mit einer Hand wieder schliessen. Geht nicht, der Deckel verkantet sich beim Aufsetzen auf den Flaschenhals. Er nimmt nun auch die linke Hand kurz vom Lenkrad… der Lastenzug reagiert sofort auf diese Unachtsamkeit und beginnt zu schlingern. Sofort reagiert der Fahrer, lässt die Flasche fallen, nimmt ohne grosse Hektik den Fuss vom Gaspedal und bewegt zeitgleich sanft das Steuerrad leicht ruckelnd hin und her. Den leichten Ruck, der das Gefährt kurz darauf erfasst, nimmt er nicht bewusst wahr. Erleichtert stellt er wenige Sekunden später fest, dass er wieder Herr der Lage ist und sich das Zugfahrzeug und Anhänger wieder in der Mitte der Autobahn befinden. Leise die angestaute Luft ausatmend beugt er sich jetzt leicht über das Lenkrad, wohl eine Geste die höhere Konzentration beim Führen des Gefährts signalisiert.
Die Fahrt geht noch rund 2 Stunden weiter, ohne dass sich noch weitere, erwähnenswerte Ereignisse oder Unregelmässigkeiten ereignet hätten. Zufrieden nimmt er zu Kenntnis, dass er sich dem nächsten Etappenziel, der Grenze zum Empfängerland nähert – noch 10 Kilometer liest er auf der grossen Tafel mit verschiedenen Ortsangaben und den jeweiligen Kilometer-entfernungen. Gedanklich überschlägt er auf Grund dieser Information, wie lange die gesamte Fahrt bis zum Ziel, dem Domizil des Empfängers dieser Ladung, wohl noch dauern könnte.  
Zufrieden lächelnd fährt er wenige Minuten später in die Langsamfahrzone des Zollüber-ganges ein und stoppt kurz darauf den Lastenzug und stellt ihn auf der Wartefläche ab. Mit der Frachtpapiermappe in der Hand begibt er sich ins Zollgebäude, legt die Dokumente dort vor und hofft, dass die Ladung nicht noch kontrolliert wird. „Was haben Sie geladen“, fragt der Zollbeamte überflüssigerweise (er kann doch lesen, es steht in den Frachtpapieren, denkt der Fahrer). Aber er beantwortet die Frage korrekt und ohne unnötig lange zu zögern mit „Nahrungsergänzungsmittel und Zigaretten, eine neue Marke, von der sich der Hersteller viel, sehr viel verspricht“. „Aha“, stellt der Zollbeamte interessiert fest. „Dann wollen wir doch mal sehen, wie diese neuen Glimmstängel aussehen, verpackt sind.“ Innerlich fluchend folgt der Fahrer dem Zollbeamten zum Fahrzeug mit Anhänger. ‚Das kann jetzt dauern‘, denkt er sich. Er geht zwar nicht davon aus, dass es Schwierigkeiten bei der Verzollung, der Einfuhr geben könnte; Ladung und Papiere hat er vor der Abfahrt kontrolliert und verglichen – Alles in Ordnung. – „Und wo sind die Zigaretten verladen, vorn oder hinten?“, fragt der Zollbeamte. „Die befinden sich im Zugfahrzeug, wegen der grösseren Menge und dem entsprechend höheren Gewicht“, antwortet der Fahrer“.
„Also, dann wollen wir mal“, motiviert sich der Zollbeamte selber und kappt mit einer Zange die Plombe, die die Ladung gegen unerlaubte Manipulationen während der Fahrt vom Abgangsort bis zum Zollübergang oder dem Empfängerdomizil schützen soll. Kurz nach dem er unter der Plache, dem Kunststoffverdeck verschwunden ist, kommt er mit einer Stange der neuen Zigarettenmarke heraus. „Sehen schon noch irgendwie interessant aus, kann mir gut vorstellen, dass sich diese Dinger gut verkaufen“, meint er nach dem er sie Packung der Glimmstängel eingehend untersucht hat. „Diese Stange wird als Muster für die Zollbehörden zurückbehalten“ - „ist üblich bei neuen Produkten; auf den Frachtpapieren werde ich Ihnen dieses Musterziehen mit Unterschrift und Zollstempel bestätigen“ ergänzt er nach kurzem Zögern. „Ich mache nur noch kurz einen Kontrollgang um den ganzen Lastenzug“ eröffnet er in dem er sich auf den Weg Richtung Anhänger begibt. Der Fahrer zündet sich eine Zigarette an und hofft, dass der Zollbeamte rasch seinen Kontrollgang beenden wird. Plötzlich hört er ein überrascht, drohendes „Oh-Oh“ vom hinteren Teil des Anhängers. Sofort macht sich der Fahrer auf den Weg zum Zollbeamten. „Hier fehlt eine Plombe“, sagt der Beamte und zeigt auf die Stelle am Verdeck, wo nur noch Teile des Plombier Drahtes hängen. „Aber das kann doch nicht sein, ich habe die Ladung vor der Abfahrt kontrolliert, war extra beim Beladen dabei und habe auch gesehen, dass alle Plomben korrekt angebracht worden sind, ich verstehe nicht, warum dieses Teil, die Nummer „Zigi007“ fehlt, besser gesagt nur noch aus Plombierdrahtteilen besteht. Was passiert jetzt?“ fragt er den Beamten. „Tja, wir müssen davon ausgehen, dass die Ladung – gemäss Papieren Nahrungsergänzungsmittel - unterwegs manipuliert worden ist“ teilt er dem verwirrten Fahrer mit „und werden den ganzen LKW samt Anhänger zurückhalten“.
Der Fahrer schaut sich die losen Drahtteile und die unmittelbare Umgebung näher an und findet verschiedene Kratzspuren, die er vorher noch nie gesehen hat. Es dämmert ihm, dass er unterwegs einmal fast die Herrschaft über das Gefährt verloren hat und er, wohl unbewusst, im Verlauf dieser Aktion einen leichten Ruck verspürt hat. Offenbar ist der Anhänger gegen die überhöhte Leitplanke geknallt und dabei ist die Plombe beschädigt worden. Er setzt zu einer entsprechenden Erklärung an; der Zollbeamte will davon aber nichts wissen, zeigt aufs Zollgebäude und befiehlt in barschem Ton „MITKOMMEN, die ganze Ladung wird ausge-laden, ganz genau untersucht und mit den Frachtpapieren verglichen. Sie werden dabei bleiben, um eventuelle Unklarheiten sofort zu klären. Die ganze Aktion wird ein paar Stunden dauern“. ‚Das kann ich mir lebhaft vorstellen‘ denkt sich der Fahrer, steckt sich ein Caramel- Bonbon in den Mund und trottet wütend hinter dem Zollbeamten her. ‚Feierabend gibt’s erst morgen und Reklamationen des Kunden und meines Chefs sind auch so sicher wie das Amen in der Kirche‘. Plötzlich hält er inne… das klebrige Caramel, welches er wütend im Mund hin und her geschoben hat, zieht ihm eine Plombe aus dem Zahn! Fast hätte er sie vor Schreck geschluckt. „Scheissplomben“ sagt er laut und steckt die herausgebrochene Plombe in den die rechte Hosentasche und schliesslich - ziemlich aufgebracht - beide Hände tief in die beiden Hosentaschen.  


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Plombe / von Knurrbär

Der düstere und karge Hausflur nahm ihn in Empfang, von wo ihn der Aufzug in den 2. Stock brachte. Ein mal die Klingel gedrückt stand er im Empfangsbereich und wurde von einer jungen Frau ins Wartezimmer gewiesen. "Schweizer Illustrierte", "Nebelspalter" oder "Frau mit Herz" lagen auf, um die Wartezeit zu verkürzen oder die Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Draussen war durch das leicht geöffnete Fenster von weit her ein Presslufthammer zu vernehmen, welcher sich bohrend und dröhnend mit den menschlichen Stimmen von der Gasse unten zu einem Geräuschbrei vermischte.

Es musste wohl doch mehrere Minuten gedauert haben bis er endlich in Zimmer 2 begleitet wurde, wo auch sogleich wortreich mit der üblichen Prozedur "Bitte setzen Sie sich - Herr Bauer", "Achtung - ich streife Ihnen jetzt den Latz über", "Ich werde nun noch frisches Spülwasser auffüllen", "der Herr Doktor wird bald bei Ihnen sein" begonnen wurde.
Der Herr Doktor kannte wohl das Wort "bald" nicht so genau und so hatte Bauer genügend Zeit mit der rechten Hand nochmals nach der herausgefallenen Plombe in der Hemdtasche zu tasten und sich seinen weiteren - der kommenden Prozedur vorbereitenden - Gedanken zu widmen. Ganz alleine in einem Raum, in dem zu sein er sich normalerweise absolut nicht wünschte.

Und plötzlich war es da, dieses surrende, pfeiffende, sirrende Geräusch des Bohrers, welches aussen wohl ganz anders vernommen wurde als innen. Die Spritze war wohl gut gesetzt worden - kein wirklicher Schmerz war zu verspüren ausser dieses Gefühl der absoluten Abhängigkeit und Hilflosigkeit und dieser saugende Schlauch, der geräuschvoll seine Arbeit tat und sich immer wieder zwischen Zahnreihen, Zunge und Backeninnenwand verklemmte, was dann jeweils in einem verzweifelten unanständig töndenden Sauggeräusch und Gurgeln endete.

Lass die Hände ruhig, zapple nicht mit den Füssen, atme ruhig waren die inneren Befehle, die er sich selber immer und immer wieder gab und mit innerer Stimme vormurmelte. Und dann noch diese Angst, dass die Unterlippe plötzlich wieder so unkontrolliert vor sich hin zu zittern begann. Wer macht schon im Vorfeld Unterlippen-Dehnübungen und Mund-weit-aufreissen-Training ? Keiner ! Bleib einfach ruhig ! Du kennst das ja. Ist doch schon immer irgendwie gut gelaufen.

Ruhig war anders - durchzuckte es ihn, während ihn der Herr Doktor mit leiser bestimmter Stimme aufforderte, den Mund noch weiter aufzusperren und den Kopf ganz leicht nach links zu drehen. "So ist es gut" kam auch prompt das Lob, welches er wie ein kleines Kind in sich aufsog und entsprechend dankbar entgegen nahm.

Denk an etwas schönes, denk einfach an etwas ganz ganz schönes. Nichts - nur Leere. Jetzt tu nicht so, als hättest Du noch nie im Leben was schönes erlebt. Immer noch Leere. Strategiewechsel. Denk an Musik. Lass sie erklingen in deinem inneren Ohr. Lass dich wegtragen ins Land der Lieder, Instrumente und Melodien.

Er hatte es geschafft und war nun - nur für ganz kurze Momente zwar - im Land der Musik angelangt. Rammsteins harte Gitarrenriffs und das hämmernde Schlagzeug in "Mein Teil" und die schmerzverzerrten Gestalten aus dem Musikvideo blitzten auf und dröhnten irgendwo im Innenohr und tanzten vor seinem geistigen Auge, sollte es dieses denn auch tatsächlich geben. Warum Du, warum bist Du - dieser Song - jetzt ausgerechnet hier bei mir im Behandlungszimmer. Weg damit, das passt nicht. Geh weg. Nach zwei, drei mal wegblinzeln kam dann die Erlösung in Form des luftig fröhlichen Liedchens "Hoch auf dem gelben Wagen". Ein netter Roy Black, hübsche junge Damen und zwei motiviert trabende Pferdchen, welche durch eine Landschaft fein duftender Wiesen und Wälder führten, als es noch kein Baum- und Bienensterben gab oder es zumindest keiner zur Kenntnis nehmen wollte.

"Spülen bitte" - "Bitte ganz gut spülen Herr Bauer" - "Geht's" ?
Dieses zuletzt ausgesprochene "Geht's", begleitet von einem Schmunzeln von Arzt und Assistentin gaben ihm die finale Sicherheit: Die haben dich durchschaut, die haben's mitgekriegt, das mit dieser Musik.

Strategiewechsel. Denk an etwas ganz normales, etwas ganz banal normales.
Outlook, Agenda,Termine !
Ich bin sicher wieder zu schlecht vorbereitet für dieses Kickoff der Sonder-Arbeitsgruppe "TaskForce". Was soll's - schlechter als die andern wird's alleweil nicht sein. Und dann diese neue Terminserie des Projekts ALOA, welches in kürstester Zeit aus dem Boden gestampft wurde und keiner so richtig wusste, wohin die Reise führen soll .... und dann noch das Team-Meeting, in welchem Team sicher wieder einmal mehr beweisen wollte, dass Team Team ist und dass dieses "One-team-one-voice-Gefühl" über alles und auch über Projekt- und Einzelinteressen zu stellen ist und ....

"Herr Bauer" ..... "Herr Bauer !!"  "Haben Sie vielleicht Ihre Agenda dabei ? Der Herr Doktor meint, wir sollten unbedingt noch einen weiteren Termin vereinbaren".   


Soundtrack zur Kurzgeschichte:
Mein Teil: http://www.youtube.com/watch?v=JLi7k-Dsqic
Hoch auf dem gelben Wagen:  http://www.youtube.com/watch?v=N6EwGA4KD8s


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